Detaillierte Analyse der Klimapolitik in den Kantonen: Auf Papier gut unterwegs, doch die Wirkung lässt auf sich warten

Bern, 7. Oktober 2026 – Das Projekt OK Klima hat die Klimapolitik in sieben Kantonen eingehend untersucht, die rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung abdecken. Die Bewertung macht deutlich, dass in den Bereichen Konsum und Finanzen verstärkter Handlungsbedarf besteht – während in anderen Bereichen Grundlagen geschaffen wurden. Es zeigt sich zudem, dass in manchen Kantonen eine Lücke zwischen den gesetzten Rahmenbedingungen und der tatsächlichen Situation vor Ort besteht. Angesichts dieser Ergebnisse betont OK Klima dass die Umsetzung dringend beschleunigt und die Mittel erhöht werden müssen, um endlich wirksame Klimamassnahmen zu realisieren.

 

Während die Klimapolitik auf Bundesebene nur stockend vorankommt, verfügen die Kantone über zahlreiche Hebel, um das Netto-Null-Ziel bis 2035 zu erreichen. Dieses Ziel ist die Voraussetzung für die Einhaltung der im Pariser Abkommen festgelegten 1,5°C-Grenze.

Das Projekt OK Klima, welches unter anderem vom Migros-Pionierfonds ermöglicht wird, hat die klimapolitischen Rahmenbedingungen von sieben Kantonen in acht Bereichen bewertet: Governance, Mobilität, Energie, Gebäude, Ökosysteme, Konsum, Wirtschaft und Finanzen.

Gute Beispiele, aber noch viel zu tun

Eines der Positivbeispiele in der Deutschschweiz ist der Kanton Basel-Stadt mit «BaselCircular», einer Public-Private-Partnership zur Finanzierung und Vernetzung von Unternehmen in der Kreislaufwirtschaft, sowie mit seiner eigenen Klimastrategie für die Verwaltung. Der Kanton Luzern gilt im Bereich Monitoring seiner Klimastrategie als Vorbild und bietet damit transparente Informationen für die Bevölkerung.

In der Romandie ist der Investitionskredit in Höhe von einer Milliarde Franken für die ökologische Transition seiner öffentlichen Gebäude, welche im Kanton Genf bewilligt wurde, besonders erwähnenswert. Der Kanton Waadt hingegen hat kürzlich seine Strategie für eine nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung veröffentlicht, die kantonale Kantinen (Schulen, Gefängnisse, Spitäler, Verwaltung) umfasst und den Gemeinden Unterstützung bietet.

Insgesamt ist Governance jener Bereich, in dem die Rahmenbedingungen am besten bewertet werden. Dies zeigt, dass die bewerteten Kantone Klimastrategien erarbeitet und einen Rahmen für die Klimapolitik geschaffen haben, etwa durch die Verabschiedung neuer Gesetze.

Im Gegensatz dazu ist die aktuelle Situation im Bereich Konsum in allen untersuchten Kantonen mit «sehr schlecht» bewertet und auch die Rahmenbedingungen erhalten in einer Mehrheit der Kantone eine ungenügende Note. Dies ist umso besorgniserregender, als 75 % der Schweizer Treibhausgasemissionen im Jahr 2023 im Ausland entstanden sind, hauptsächlich durch die Produktion importierter Güter und Dienstleistungen. Auch wenn sich die Reduktionsziele des Bundes und der Kantone nur auf die direkten Emissionen auf dem Staatsgebiet beziehen, bleibt die Bekämpfung der indirekten (oder «grauen», konsumbedingten) Emissionen unerlässlich, um eine echte Wirkung auf das Klima zu erzielen.

Schliesslich gehört auch der Finanzsektor zu den am schlechtesten bewerteten Bereichen. Dabei haben Investitionen in fossile Energien – insbesondere jene der Pensionskassen – einen grossen Einfluss auf den Treibhausgasausstoss des Schweizer Finanzplatzes.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in mehreren Kantonen eine Diskrepanz zwischen genügenden bis guten Rahmenbedingungen und einer als ungenügend bewerteten aktuellen Situation besteht: «Für wirksame und nachhaltige Klimaschutzmassnahmen müssen die Kantone nicht nur ehrgeizige Rahmenbedingungen festlegen, die auf Netto-Null und Klimagerechtigkeit abzielen, sondern diese Vorhaben auch durch die Umsetzung konkreter Massnahmen und die Bereitstellung entsprechender Mittel konkretisieren», erklärt Manuela Liem, Leiterin der Evaluationen in der Deutschschweiz.

Eine Grundlage für lokales Engagement

Mit dieser Publikation werden die bereits auf der Plattform Ok-Klima.ch verfügbaren Indikatoren rund um die Klimapolitik in den Schweizer Kantonen und Gemeinden um über 50 neue ergänzt. Die zuständigen Stellen der Kantonsverwaltungen erhielten die Möglichkeit, Rückmeldungen zur Vervollständigung der einzelnen Fragen zu geben. Auch lokale zivilgesellschaftliche Gruppen wurden konsultiert.

OK Klima zielt darauf ab, die Transparenz rund um die lokale Klimapolitik zu erhöhen und die Akteur:innen der Zivilgesellschaft bei ihrem Engagement für effektiven Klimaschutz zu unterstützen. Anhand der gesammelten Daten lassen sich die Bereiche identifizieren, in denen der jeweilige Kanton handeln muss, und Forderungen nach ehrgeizigeren Massnahmen untermauern. OK Klima begleitet Einzelpersonen und Gruppen bei diesem Engagement mit Handlungsvorschlägen und Beratung.

Weitere Informationen zu den neuen kantonalen Daten finden sich in den Anhängen sowie auf der Plattform OK Klima.

 

Anhang: Zusammenfassung nach Kanton

  1. Definitionen

Rahmenbedingungen: Die Rahmenbedingungen zeigen, inwiefern die Kantone die ihnen zur Verfügung stehenden politischen Hebel nutzen.

Aktuelle Situation: Die aktuelle Situation gibt Auskunft darüber, wie weit die Kantone zurzeit vom Netto-Null-Ziel entfernt sind. Die Vision von OK Klima bildet den Massstab für diese Bewertung.

 

  1. Zusammenfassung nach Kanton

Basel-Stadt

Der Kanton Basel-Stadt erreicht die Gesamtnote «genügend» für die Rahmenbedingungen. Er wurde in den meisten Themenbereichen mit der Note «genügend» bewertet  sowie in drei Bereichen mit «gut»: Governance, Energie und Wirtschaft. Im Bereich Ökosysteme stellt der Kanton jedoch einen speziellen Fall dar. Dieser Bereich deckt zu einem grossen Teil auch die Landwirtschaft ab, wobei der Kanton Basel-Stadt sehr städtisch geprägt ist. Deshalb wurden gewisse Indikatoren ausgelassen. Besonderen Aufholbedarf hat der Kanton im Bereich Konsum, wo die aktuelle Situation mit der Gesamtnote «sehr schlecht» bewertet wird. Als besonders positiv hervorzuheben ist hingegen, dass der Kanton Basel-Stadt über eine spezifische Klimastrategie für die Verwaltung verfügt, inklusive eigenen Massnahmen und einer CO2-Bilanz. Auch in der Förderung der Kreislaufwirtschaft geht der Kanton wichtige Schritt. Im Rahmen einer Public-Private-Partnership unterstützt das Projekt BaselCircular Unternehmen beim Umstieg auf kreislauffähige Geschäftsmodelle.

Zur Detailbewertung des Kantons Basel-Stadt

 

Freiburg

Der Kanton Freiburg erhält für die Rahmenbedingungen die Gesamtnote «genügend» und für die aktuelle Situation die Note «ungenügend». Vor allem dank eines geltenden Klimagesetzes, das Ziele und Absenkpfade festlegt, erhält der Kanton im Bereich Governance die Note «gut». Die aktuelle Situation im Gebäudebereich ist besonders gut, gestützt durch «genügende» Rahmenbedingungen. Der Bereich Mobilität weist die grössten Mängel auf, mit Rahmenbedingungen, die als «ungenügend» bewertet werden, und einer aktuellen Situation, die als «sehr schlecht» eingestuft wird. Das bedeutet, dass die Klimaauswirkungen der Mobilität hoch sind und die aktuellen Rahmenbedingungen einen Übergang zu einer nachhaltigen Mobilität (Reduktion des motorisierten Individualverkehrs, Ausbau des öffentlichen Verkehrs usw.) noch nicht ermöglichen. Auch die Rahmenbedingungen im Bereich Konsum und Freizeit werden als «ungenügend» und die aktuelle Situation als «sehr schlecht» bewertet. Schliesslich erhält der Bereich Ökosysteme und Ernährungssysteme die Note «schlecht», was vor allem auf den hohen Anteil der Nutztierhaltung zurückzuführen ist. Obwohl die Rahmenbedingungen in diesem Sektor als «genügend» eingestuft werden, sind verstärkte Anstrengungen erforderlich, um die Aktivitäten auf eine Reduktion der Treibhausgasemissionen auszurichten.

Zur Detailbewertung des Kantons Freiburg

 

Genf

Genf erhält für die Rahmenbedingungen die Gesamtnote «gut», die aktuelle Situation des Kantons wird als «genügend» bewertet. Der Bereich Governance wird als gut eingestuft, trotz des Klimagesetzentwurfs, der vom Grossen Rat noch immer nicht verabschiedet wurde. Auch im Bereich Mobilität werden gute Ergebnisse erzielt. Allerdings setzt der zweite kantonale Klimaplan weniger ehrgeizige Ziele hinsichtlich der Reduktion des motorisierten Individualverkehrs (MIV) als der erste Plan: Er zielt auf eine Reduktion des nichtberuflichen MIV bis 2030 ab, während der vorherige Plan eine Reduktion des gesamten MIV um 40 % bis 2030 und um 80 % bis 2050 vorsah.

 

In den Bereichen Bauwesen und Energie ist eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Rahmenbedingungen und der aktuellen Situation festzustellen. Die Rahmenbedingungen werden als «gut» bewertet, insbesondere dank wegweisender Massnahmen wie dem Investitionskredit in Höhe von einer Milliarde CHF für die ökologische Umgestaltung der kantonalen Gebäude. Dennoch wird die aktuelle Situation im Gebäudebereich als «sehr schlecht» und im Energiebereich als «ungenügend» bewertet; insbesondere das Photovoltaikpotenzial wird kaum genutzt. Dies zeigt eine Diskrepanz zwischen den umgesetzten Massnahmen und ihren konkreten Auswirkungen vor Ort auf, die auch in Zukunft weiter beobachtet werden muss. Der Kanton weist zudem eine gute Bewertung der Rahmenbedingungen im Bereich Ökosysteme auf. Schliesslich zeigt auch der Bereich Konsum und Freizeit eine Diskrepanz zwischen den Rahmenbedingungen und der aktuellen Situation; dies ist der Bereich, in dem der grösste Verbesserungsbedarf besteht, insbesondere was die Flugreisen der Genfer:innen betrifft.

Zur Detailbewertung des Kantons Genf

 

Luzern

Der Kanton Luzern erreicht die Gesamtnote «genügend» für die Rahmenbedingungen und «ungenügend» für die aktuelle Situation. Die vom Kanton ergriffenen Massnahmen im Bereich Gebäude werden als «ungenügend» bewertet, wobei jedoch die aktuelle Situation als «sehr gut» bewertet wird. Für den Bereich Ökosysteme und Ernährungssystem hingegen erreicht der Kanton für die Rahmenbedingungen die Gesamtnote «ungenügend» und gleichzeitig die Note «schlecht» für die aktuelle Situation. Die Anzahl Nutztiere nimmt nicht ab und der Konsum tierischer Produkte ist deutlich zu hoch. Ausserdem könnten mittels entsprechender Massnahmen in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung zumindest im direkten Einflussbereich des Kantons Anreize geschaffen werden, um den Konsum tierischer Produkte zu senken. Eher gut schneidet der Kanton jedoch im Bereich Wirtschaft ab. Hervorzuheben sind etwa die Vorgaben für staatsnahe Betriebe oder die Subventionen für Unternehmen. Auch in anderen Bereichen gibt es positive Beispiele. So verfügt der Kanton etwa über ein vorbildliches Monitoring. Es gibt einen jährlichen Kurzbericht und ein bis drei Umsetzungsindikatoren pro Massnahme. Der Stand der Massnahmen ist im Klima-Dashboard öffentlich einsehbar.

Zur Detailbewertung des Kantons Luzern

 

St. Gallen

Der Kanton St. Gallen erhält sowohl für die Rahmenbedingungen als auch für die aktuelle Situation die Note «ungenügend». Er schneidet bei den Rahmenbedingungen in den Bereichen Ökosysteme und Ernährungsystem, Konsum sowie Finanzen mit der Gesamtnote «schlecht» oder «sehr schlecht» ab. Auffällig ist, dass St. Gallen im Ranking der Pensionskassen schlechter abschneidet als alle anderen Kantone. Positive Beispiele in der Klimapolitik des Kantons finden sich dafür bei der Sensibilisierung für klimafreundliches Verhalten generell und der Mobilität sowie bei den Zielen im Gebäudebereich.

Zur Detailbewertung des Kantons St. Gallen

 

Waadt

Der Kanton Waadt erhält für die Rahmenbedingungen die Gesamtnote «genügend» und für die aktuelle Situation die Note «ungenügend». Vor allem dank eines Gesetzes zu Nachhaltigkeit und Klima, das derzeit ausgearbeitet wird, wird der Kanton im Bereich Governance mit «gut» bewertet. Das neue Energiegesetz, das am 1. Januar 2027 in Kraft treten wird, beeinflusst zudem die Rahmenbedingungen in den Bereichen Energie und Gebäude. Die Rahmenbedingungen in den Bereichen Mobilität, Gebäude, Energie und Konsum sind «genügend», doch weisen alle eine ungenügende aktuelle Situation auf, im Falle des Konsums sogar eine schlechte. Der Kanton erzielt gute Resultate bei den Rahmenbedingungen in den Bereichen Ökosysteme und Wirtschaft, insbesondere dank eines neuen Plans für nachhaltige öffentliche Gemeinschaftsverpflegung und der Einführung eines neuen Artikels zur Kreislaufwirtschaft in der kantonalen Verfassung. Dennoch ist die aktuelle Situation im Bereich Ökosysteme und Ernährungssystem weiterhin ungenügend, was einen verstärkten Handlungsbedarf aufzeigt.

Zur Detailbewertung des Kantons Waadt

 

Zürich

Der Kanton Zürich erhält die Gesamtnote «genügend» für die Rahmenbedingungen und die aktuelle Situation. Ausser im Bereich Konsum («ungenügend») erhielten alle Bereiche bei den Rahmenbedingungen die Note «genügend». Besonderer Aufholbedarf besteht beim Konsum, da dort die aktuelle Situation mit «sehr schlecht» und die Rahmenbedingungen mit «ungenügend» bewertet werden. Positiv hervorzuheben ist dagegen, dass der Kanton Subventionen für Stromsparmassnahmen vergibt und gute Vorgaben im Gebäudebereich (für Elektroheizungen und erneuerbare Heizungen) hat.

Zur Detailbewertung des Kantons Zürich

 

 

Medienkontakte

Manuela Liem

Evaluation in der Deutschschweiz

manuela.liem@klima-allianz.ch

076 238 95 21

Ella-Mona Chevalley

Evaluation und Mobilisierung in der Westschweiz

ella-mona.chevalley@klima-allianz.ch

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