Investing in Climate Chaos 2026: Grösste fossile Investoren weltweit enthüllt
Berlin / London / Bern | 23. Juni 2026
Eine neue Studie von urgewald und 25 NGO-Partnern zeigt die Rolle tausender institutioneller Investoren bei fossilen Aktivitäten auf. Die Investing-in-Climate-Chaos-Webseite offenbart, welche Vermögensverwalter, Pensionsfonds, Staatsfonds, Versicherungsgesellschaften, Stiftungen und Hedgefonds weiterhin in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen investiert sind, die die Klimakrise vorantreiben. Es ist die umfassendste, öffentlich zugängliche Analyse zu den institutionellen Investitionen in Unternehmen mit fossilen Aktivitäten und zeigt auf, dass globale institutionelle Investoren derzeit Aktien und Anleihen von Unternehmen aus fossilen Industrien im Wert von über 6,5 Billionen US-Dollar halten. Mehr als 95 Prozent dieser Investitionen fliessen in Unternehmen, die fossile Aktivitäten ausweiten, zum Beispiel solche, die neue Öl- und Gasquellen erschliessen oder den Bau neuer fossiler Infrastruktur vorantreiben, darunter Pipelines, LNG-Terminals oder Kohle- und Gaskraftwerke. «Investing in Climate Chaos» erfasst die Aktien- und Anleihen-bestände von mehr als 8.400 institutionellen Investoren in Unternehmen, die in den anerkannten urgewald-Datenbanken zu fossilen Industrien aufgelistet sind: der Global Coal Exit List (GCEL), der Metallurgical Coal Exit List (MCEL) und der Global Oil & Gas Exit List (GOGEL). Hunderte Finanzinstitute weltweit nutzen diese Datenbanken. Dank ihrer umfassenden Kennzahlen zu den Expansions- sowie den Dekarbonisierungsplänen fossiler Unternehmen können Investoren erkennen, welche Unternehmen ihre fossilen Aktivitäten verstärken und welche diese zurückfahren.
Anleihelaufzeiten bis ins 22..Jahrhundert
Unternehmen aus fossilen Industrien beschaffen einen Grossteil ihrer Finanzierung durch die Emission von Anleihen. Ihre Hauptabnehmer sind institutionelle Investoren wie Investmentfonds, Pensionsfonds, Versicherer und Hedgefonds. Die urgewald-Studie identifiziert institutionelle Investitionen in Höhe von 64 Milliarden US-Dollar in Anleihen fossiler Unternehmen, die erst nach dem Jahr 2050 fällig werden, also von ihren Emittenten zurückgezahlt werden müssen. Mehr als 240 Investoren halten fossile Anleihen mit Laufzeiten bis 2080 und darüber hinaus.
Die fossile Anleihe mit der längsten Laufzeit wurde von Brasiliens staatlichem Ölkonzern Petrobras herausgegeben und läuft bis ins Jahr 2115. Petrobras plant, seine Ölförderung über das Jahr 2050 hinaus auszuweiten, was auf Kosten von Brasiliens empfindlichsten Ökosystemen und Gemeinden geht. Vergangenen Herbst hat das Unternehmen mit Bohrungen vor der Amazonas-Küste begonnen und es kündigte kürzlich an, seine Bohrarbeiten im Amazonas-Regenwald wieder aufzunehmen. Zu Petrobras‘ langfristigen Anleihengläubigern gehören Franklin Resources (USA), Manulife Financial (Kanada), die Royal London Group (Grossbritannien), BlackRock (USA), die OTP Bank Group (Ungarn) und die UBS (Schweiz). Camille Delgrange von BreakFree Suisse sagt: «Die UBS ist in Petrobras-Anleihen investiert, während Petrobras für ein weiteres Jahrhundert Ölförderung in einem der empfindlichsten Ökosysteme der Erde und indigenem Gebiet plant. Das widerspricht komplett ihrer eigenen Netto-Null Ausrichtung bis 2050. Wie lässt sich das rechtfertigen?»
Auswertung zu Schweizer Investoren
Die Schweiz liegt auf Platz 8 der 10 wichtigsten Investorenländer. Die grössten fossilen Investoren in der Schweiz sind die UBS (71,7 Mrd. USD), Pictet (15,2 Mrd. USD) und die Schweizer Nationalbank SNB (9,3 Mrd. USD). Mit 71,7 Mrd. USD befindet sich die UBS auf Platz 14 der weltweit grössten institutionellen Investoren in fossile Brennstoffe, sowie auf Platz 2 von Europas grössten Investoren.
Der bei weitem grösste Anteil der Summen ist in Aktien investiert: Bei UBS sind dies 64,8 Mrd. US-Dollar, bei Pictet 11,5 Mrd. US-Dollar und bei der Schweizer Nationalbank das komplette Volumen. Die grössten Beteiligungen der UBS sind ExxonMobil (5,1 Mrd. USD), Shell (3,6 Mrd. USD) und Chevron (3,5 Mrd. USD). Bei Pictet sind dies die britische SSE plc (3,1 Mrd. USD), Siemens (685 Mio. USD) und RWE (677 Mio. USD). Die Schweizer Nationalbank hat als grösste fossile Positionen die US-Konzerne ExxonMobil (1,8 Mrd. USD), GE Vernova (652 Mio. USD) und ConocoPhillips (388 Mio. USD).
Ein etwas anderes Bild zeigt sich beim Blick auf die Anlagen von Schweizer Investoren in besonders langlaufende Anleihen fossiler Unternehmen. Sämtliche analysierte Schweizer Investoren haben 1,2 Milliarden US-Dollar in fossile Anleihen mit Laufzeiten bis mindestens 2051 investiert. Auch hier belegt die UBS mit Abstand den negativen Spitzenplatz: Sie hält solche Anleihen mit einem Gesamtwert von 467 Millionen US-Dollar. Auf den weiteren Plätzen folgen die Zürcher Kantonalbank (171 Mio. USD) und Vontobel (121 Mio. USD).
Asti Roesle von der Klima Allianz Schweiz kommentiert: «Während die Schweiz ein gesetzlich verankertes Klimaziel von Netto-Null Treibhausgasemissionen bis 2050 hat, scheinen grosse Schweizer Investoren, insbesondere die UBS, weiter auf eine fossile Zukunft zu wetten. Bei der UBS fallen ausserdem die krassen Widersprüche zwischen ihrem Banken- und ihrem Anlagegeschäft auf. Kürzlich veröffentlichte Daten zeigen, wie stark die UBS ihre Finanzierung für fossile Konzerne in den vergangenen Jahren zurückgeschraubt hat. Sie verkennt, dass auch Investitionen, insbesondere in Anleihen fossiler Konzerne, solche zerstörerischen Geschäfte am Leben halten.»
Es gibt einen besseren Weg
Dabei gibt es gerade in der Schweiz positive Entwicklungen im Anlagebereich. Im Juni 2026 sprach der Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK-ASIR), in dem zwölf grosse Schweizer Pensionskassen und Versicherer mit einem verwalteten Gesamtvermögen von über 350 Milliarden US-Dollar zusammengeschlossen sind, eine Empfehlung an seine Mitglieder aus: Diese sollten den Erwerb von Anleihen der Unternehmen ExxonMobil, Chevron, Marathon Petroleum, Saudi Aramco, PBF Energy, Phillips 66 und Valero Energy Corporation einstellen. Dies ist das erste Mal, dass der SVVK-ASIR eine solche Empfehlung ausspricht. Auch Ethos präzisierte vor kurzem ihre Ausschlusskriterien, um Unternehmen, die neue Erdgas- und Erdölprojekte entwickeln, künftig von den Ethos-Anlagelösungen auszuschliessen. Amandine Favier vom WWF Schweiz meint dazu: «Die jüngsten Ankündigungen von SVVK und Ethos sind ein wichtiges und positives Signal an den Markt: Die Zeit ist abgelaufen für Unternehmen im fossilen Sektor, die nicht bereit zum nachhaltigen Wandel sind. Investoren wie auch die Schweizer Politik sind jetzt gefordert, dafür zu sorgen, dass die Beschlüsse von SVVK und Ethos im Finanzmarkt Beachtung finden und zum Mainstream werden.»
Andere institutionelle Anleger gehen noch weiter. Das skandinavische Nordea Asset Management beteiligt sich nicht länger an Anleiheemissionen von Unternehmen, die ihre Öl- und Gasförderung ausweiten. Europas drittgrösster Vermögensverwalter BNP Paribas Asset Management schliesst Investitionen in neue Anleihen von Öl- und Gasförderern sogar generell aus. Frankreichs viertgrösster Vermögensverwalter Ofi Invest schliesst den Kauf von Unternehmensanleihen aus, wenn Firmen an der Förderung unkonventioneller fossiler Brennstoffe, an fossilen Expansions- oder Explorationsprojekten sowie an LNG-Exporten beteiligt sind.
Der französische Rückversicherer SCOR, eines der führenden Unternehmen seiner Branche, investiert nicht länger in Aktien und Anleihen von Öl- und Gasunternehmen mit Expansionsplänen im Upstream-Bereich. PFZW aus den Niederlanden – unter den weltweit grössten Pensionsfonds auf Rang 14 – hat im Jahr 2024 Investitionen in 310 globale Öl- und Gasproduzenten veräussert, darunter Shell, BP und TotalEnergies. Nur noch sieben Öl- und Gasförderer sind nach wie vor Teil des PFZW-Portfolios. Joanne Kellerman, Vorstandsvorsitzende von PFZW, erklärte dazu: «Der intensive Dialog mit dem Öl- und Gassektor zu Klimathemen in den vergangenen zwei Jahren hat uns klargemacht, dass die meisten fossilen Unternehmen nicht bereit sind, ihre Geschäftsmodelle an das Pariser Abkommen anzupassen.» Im Jahr 2025 stellte PFZW zudem Investitionen in von BlackRock verwaltete Aktienfonds ein und begründete dies mit mangelnder Übereinstimmung in Klimafragen.
Zusammenfassend sagt Heffa Schücking, Geschäftsführerin von urgewald: «Während einige Institutionen bedeutende Fortschritte erreicht haben, zeigt unsere Studie, dass die meisten institutionellen Investoren sowohl unseren Klimazielen als auch ihrer langfristigen treuhänderischen Pflicht nicht gerecht werden. Investitionen in die alte Energiewelt machen in der Regel weniger als 5 Prozent des Portfolios eines Investors aus, aber sie schüren eine Krise, die 95 Prozent der Investitionen gefährdet. In einer Welt im Klimakollaps gibt es keine sicheren Renten, keine sicheren Ersparnisse und keine sicheren Renditen.»
Zugang zu sämtlichen Ergebnissen und dem Analyse-Tool: https://investinginclimatechaos.org
Link zur Methodik: https://investinginclimatechaos.org/methodology
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Medienkontakte
Heffa Schücking | urgewald-Geschäftsführerin (vor Ort bei der London Climate Action Week)
heffa@urgewald.org
Moritz Schröder-Therre | urgewald-Pressesprecher
+49 152 215 799 77, moritz@urgewald.org
Asti Roesle | Verantwortliche Klima und Finanzplatz, Klima Allianz Schweiz
+41 79 277 33 85, asti.roesle@klima-allianz.ch